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Hamburg am 06.02.2015, zweiter Tag des 33sten Zyklus‘

#182 Ein N!

150206_2.33Diana und Schlomo

Kreide auf Tafel, 150 x 100 cm, gelöscht am 13.02.2015

Diana ist schon da, als Schlomo den Kulturladen erreicht. Das Bild steht auf dem Flur, die Utensilien sind im Keller. Kai und Oscar versorgen uns mit Schlüssel, Getränken und einem Teelicht, das summend entzündet wird, weil sich das so gehört. Die Tafel wird sofort angegangen, während wir die Ruhe des Abends genießen. Wir reden übers Sehen-Lernen und stellen fest, dass man eine Knickgeschichte nicht knicken muss, wenn man sie nur zu zweit schreibt. Wir überlegen uns, ob die Welt nicht vielleicht doch auf dem Rücken von Schnecken ruht und nicht durch den Weltraum saust. Aber das ist Festkörperphysik, auch wenn es in Wirklichkeit um Nichts geht.

Knickgeschichte

Es ward Nacht über Darmstadt. Helene übersah beim Abbiegen einen Radfahrer und drängte ihn abrupt zu Boden. Ein Knochen brach Laut und verhallte im Straßenlärm.
„Aua! Das wollte ich nicht!“, so Helene. „Verdammt, mein Arm… Verda… Helene?“ Tatsächlich. Es war Michael, einer der Studenten aus dem Aktmalkurs, für den Helene jeden Freitag Modell stand. Und Michael war einer der süßesten Studenten in dem Kurs. Sie überlegte.
„Lass mich Dich ins Krankenhaus fahren, schau, Dein Rad ist ja völlig hinüber…“ „Ja, aber…“, entgegnete ihr Michael, „ja, doch, gut… ich habe Dir nie gesagt, dass ich Dich vergöttere, oder? Nee, hab ich Dir nie gesagt… nä?“ „Nein“,  sagte Helene. „Wir reden beim Zeichnen ja nicht so viel.“ Unschlüssig und aufgeregt sah sie ihn an.
Nach einer Weile sagte er „Äh… mein Arm?“ Helene antwortete: „Kannst Du gehen? Dann ruf ich ein Taxi und wir fahren ins Krankenhaus. Ich bin da öfter, weil ich Medizin studiere.“ „Ja, OK“,  erwiderte er.
Das Taxi kam, sie stiegen ein. „Was ist mit Deinem Auto? Lässt Du es hier stehen?“, fragte Michael. „Mein Auto? Egal, es war sowieso alt. Und jetzt wird ja sowieso alles anders, ich bin nun mit Dir. Autos, Jobs, Fernsehen: Alles nicht mehr wichtig!“, schwelgte Helene, während sie auf ihrem Handy die neuesten Nachrichten checkte.
„Mein Handy ist in meiner Hosentasche. Kannst Du mir das da rausholen? Ich würde auch gern meinen Status checken.“ „Klar“, sagte sie abwesend und steckte ihre Hand in seine Hosentasche, die er ihr entgegen streckte. Sie ertastete etwas Hartes. „Nein, es ist in der anderen Hosentasche.“ Sie wurde rot. Sie beugte sich über ihn herüber, stützte sich dabei auf seinen gebrochenen Arm. „Aua!“, schrie er auf, „Au… nein, warte! Es ist in meiner Innentasche.“ Sie nestelte. „Aua! Nein! Doch in meiner Hosentasche!“
Entgeistert starrte sie ihn an. „Ich studiere Festkörperphysik“, versuchte er sich zu rechtfertigen. „In meiner linken Hosentasche.“ Sie sah ihm tief in die Augen und vergrub ihre Hand in seiner linken Hosentasche. Er roch an ihrem Haar.
„Da ist es“, sagte sie. „Cool!“, sagte er. „Der Code ist M.F.I.L.“ „Hä?“, sagte sie. „6, 3, 4, 5. Aber M.F.I.L kann ich mir besser merken.“ Plötzlich schluckte Michael. „Nein, gib mir das doch mal her.“ Er entriegelte das Telefon mit seiner intakten Hand, starrte auf das Display und verstummte. Lang Zeit regte er sich nicht. Nur das Rattern der Reifen auf dem nassen Kopfsteinpflaster war zu hören. Ein kleines Rinnsal Blut lief ihm aus dem rechten Nasenloch und tropfte auf seine zerrissenen Jeans, die ihm seine Ex vor vier Jahren zum Geburtstag schenkte.
„Ich will ein Kind von Dir!“, sagte Helene. „Jetzt? Meine Nase hat gerade angefangen zu bluten…“
„Wir sind da“, sagte der Taxifahrer. „12 Euro genau.“
Plötzlich ging alles sehr schnell. Michael wurde auf eine Liege gehoben, mit Schläuchen verbunden, an einen Laptop angeschlossen, durch endlose Gänge geschoben, während sich das maskierte medizinische Personal Zahlen und Code-Wörter zurief. Dann blieb die Zeit stehen.
Einer der Maskierten hatte gesagt: „Helene, hast Du zu Hause das Gas abgestellt?“
Es war Helmut, Helenes Mann. Er war Oberarzt der Inneren Abteilung des Krankenhauses. Doch das war jetzt egal, schließlich stand die Zeit still.
Ein Kind – das Handy – das Fahrrad – ihr Mann. Helene begriff schlagartig die Situation und atmete wieder ein.
„Ja, Helmut, hab ich! Sein Arm ist gebrochen. Ich habe ihn überfahren. Und gib mir sein Handy, wenn Du ihn auf dem Tisch hast!“, rief sie der maskierten Gestalt zu. Michael wurde Sauerstoff zugeführt. „10… 9… 8… Sieeee…“ war das letzte, was er sagte und dachte. Dann wurde es um ihn herum dunkel.
Was hat er nur auf seinem Handy gesehen?, dachte Helene, als sie den Code in sein Handy tippte. Der Screen wurde freigegeben und Helene sah das Bild. „Helene!“, rief Helmut, der ihr über die Schulter gesehen hatte. Wie sollte sie ihm das erklären?
„Ich… ich…“, stotterte sie, „Donnerstag, nein, freitags… freitags! Wenn Du immer Deine Doppelschichten hast, weißt Du? …und Modellstehen hat doch auch was mit Kunst zu tun. Das magst Du doch auch!?“
„Helene! Auf dem Foto bist Du nackt!! Was hat das mit Kunst zu tun?“, fragte Helmut sichtlich verwirrt.
„Kunst hilf uns, einen anderen Blick auf die Welt zu gewinnen, Helmut. Wie oft hast Du mich nackt gesehen, ohne mich zu kennen? Es gibt Hunderte, die das haben und Michael ist einer davon.“
Helmut starrte sie an. „Hast Du den Verstand verloren?“, ätzte er.
„Du bist der größte Fehler meines Lebens“, sagte sie.
„Ich muss zurück in die OP“, sagte Helmut, begab sich an den Operationstisch und rammte das Skalpell in Michaels Bauch. Er emtfernte ihm die Gallenblase, versorgte beiläufig den gebrochenen Arm. Als er fertig mit dem Zunähen war, klopfte er dem noch bewusstlosen Michael auf die Schulter und sagte: „In drei Wochen wird es Ihnen besser gehen.“

Ben war jetzt drei Jahre alt. Er war ein aufgeweckter Junge mit den Augen seiner Mutter und den Armen seines Vaters. Helmut saß im Gefängnis. Helene hatte Michael im letzten Moment das Leben gerettet. Sie war ein Genie am Skalpell, besser als Helmut, und darum nach Helmuts Verhaftung zur Leiterin der Klinik ernannt worden.
Michael schaute sie zärtlich an. „Wie wärs mit ein bisschen Festkörperphysik?“
„Michael, Forever In Love.“

– ENDE –

Keine Angst und keine Schuld

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