∆1_150220_4.33

Hamburg am 20.02.2015, vierter Tag des 33sten Zyklus‘

#183 Kreisverkehr

150220_4.33Apollon und Schlomo

Kreide auf Tafel, 150 x 100 cm

Knickimpressionen

Schlomo und Apollon treffen sich im Kulturladen und entzünden summend die Kerze. Schnell sind wir uns einig, den Trialog 2.33 zum Vorbild zu nehmen und abwechselnd zu malen und zu schreiben. Es entsteht ein Zusammenspiel aus Tafelbild und Geschichte. Der Abend gewinnt die Form einer Parabel. Quasi. Man könnte auch sagen, der Abend erzeugt ein Dreieck aus zwei miteinander verbundenen Punkten. Es geht weiter im Kometen, wo bei Bier und Rauch Gedanken festgehalten werden. Familie, Leben, Arbeit, Trialog, die Gesellschaft, Kunstkonferenzen und Klaus Kusanowsky. So prallt wie immer ein Wort auf das andere und es entwickelt sich ein angenehmer Flow.

KAKSKnickgeschichte

Er fragte sich, ob es möglich sei, eine spannende Geschichte zu schreiben über jemanden, der – wie er selbst – den ganzen Tag vor dem Computer sitzt. Ratlos blickte er auf den blinkenden Cursor in der linken oberen Ecke des leeren Textdokumentes. Die Sinnlosigkeit dieses ganzen intellektuellen Schwachsinns wurde ihm schlagartig bewusst. Worte über Erlebtes sind nicht mit Erlebtem identisch. Mit Menschen mithilfe von Computern zu kommunizieren erzeugt nichts, außer Kommunikation. Wozu der Scheiß? Was aber gibt es sonst noch?
Für einen Moment bewunderte er die brillanten Konstrukteure, die es geschafft hatten, ihn eine ganze Welt sehen zu lassen, wo eigentlich nur Glas, Metall, Plastik und seltene Erden in ein Gehäuse verbaut waren, das noch nicht mal besonders schön war. Sie hatten es geschafft, unsichtbare Apparate zu schaffen, die er den ganzen Tag betrachtete, ohne sie zu sehen. Stattdessen sah er die blinkende Aufforderung, endlich ein Wort in die Maschine zu tippen. War das spannend?
Er minimierte den Texteditor und öffnete seinen Internet-Browser. In verschiedenen Tabs öffneten sich Facebook, Twitter, YouTube und GMail. Es warteten 7 Benachrichtigungen auf Facebook, 3 bei Twitter auf ihn. 4 ungelesene Nachrichten, 13 eMails und 9 neue Videos aus seinen Abonnements. Nach Kenntnisnahme war es drei Uhr morgens. Heute würde er sein Leben nicht mehr ändern. Wozu auch? Es ist, wie es ist und es spielt auch weiter keine Rolle. Was ist schon ein Leben? Genug Verstorbene bezeugen die Nichtigkeit.

Maya betrat den Raum. „Poppen?“, fragte sie ihn. Stumm blickte er sie an. Dann wieder seinen Bildschirm, dann wieder Maya. „Ich seh‘ schon. ‚Die Nichtigkeit der Verstorbenen‚, stimmt’s?“ Er sagte immer noch nichts. „Du sitzt zu viel vor dem Rechner. Da kommt man auf komische Gedanken. Wenn Du fertig bist, kannst Du ja zu mir kommen und dann zeig‘ ich Dir was Schönes!“ Sie drehte sich um, blickte noch mal mit zusammengekniffenen Augen über ihre Schulter und war verschwunden.

Blöde Maya. Immer denkt sie nur ans Ficken. Die checkt gar nicht, was in mir vorgeht. Diese ganze Scheiße kotzt mich an. Es muss sich etwas Grundlegendes ändern. Er öffnete ein neues Tab. YouPorn. Vergeblichkeit, dachte er und schloss es wieder. Aus dem Nebenraum hörte er ein leises Summen und ein leises Stöhnen. Ach Maya, Du Endorphinjunkie, das macht es auch nicht besser.
Der Bildschirm war immer noch bunt. Das Hintergrundbild zeigte einen Clownfisch in einer Seeanemone. So hat jeder von uns sein summendes Maschinchen. Und vermutlich brachte Mayas Apparat sie auch auf komische Gedanken. Er setzte sich seine Kopfhörer auf.

Maya begann so laut zu stöhnen, dass es trotz Kopfhörer nicht mehr zu ignorieren war. Er legte sie ab und ging nach nebenan, wo Maya bereits in voller Ekstase ihrem Orgasmus entgegenfieberte. Er stürzte zu ihr und entriss ihr den Vibrator. „So läuft das hier nicht!“, schrie er sie an. „Wenn Dir das nicht gefällt, dann fick mich doch!“, entgegnete sie. Er folgte ihrem Kommando und legte sich anschließend entspannt neben sie.

Für den Moment war alles gut.

Dieser Beitrag wurde unter ∆ Trialog Hamburg, Alle Trialoge auf einmal, Knickgeschichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.