Apollons* Kolumne #1: Olena Rigby unterwegs

Im Juni findet an der Universität Köln die Tagung „where the magic happens – Bildung nach der Entgrenzung der Künste“ statt.

Wie es der Titel erahnen lässt basiert die Tagung auf der Idee, dass Kunst heute mehr ist als ein Distinktionsmittel der Elite. Durch die Tagung soll das Ziel verfolgt werden Antworten auf die Frage zu finden, welches „magische“ Bildungspotenzial in Kunst steckt – was auch immer heute unter Kunst verstanden werden kann.

Diese Frage ist auch beim Trialog ein latenter Dauerbrenner, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass der Trialog den Vorschlag eingereicht hat, während der Tagung einen Trialog stattfinden zu lassen.

Das aber nur nebenbei. Von der Tagung erfahren habe ich von Klaus Kusanowsky, der selbst einen Vorschlag eingereicht hat. Bei Klaus Kusanowsky geht es darum, eine künstliche Person Namens Olena Rigby zu erschaffen und zu testen, ob sie vergesellschaftet werden kann. Das ist vor dem Hintergrund fragwürdig, dass die Bewältigung ihrer Handlungen Unbekannten auferlegt wird. Einige Hintergründe zur möglichen konkreten Ausgestaltungen dieser Idee und zur Frage, wie man eine künstliche Person erschafft finden sich im Blog von kadekmedien.

Die Idee Kusanowskys hat vielfältige Aspekte und Implikationen, daher möchte ich versuchen, einen für mich wesentlichen Punkt dieser Idee zu erläutern: Den Aspekt der Vergesellschaftung.

Menschen sind sehr hilflose Wesen. Es gibt Tiere, wie etwa Schildkröten, die zur Welt kommen und ausgestattet mit Instinkten in der Lage sind, sich völlig alleine durchzukämpfen und zu versorgen. Bei Menschen funktioniert das leider weder im Säuglingsstatus, noch später als Erwachsene. Wir benötigen immer andere Menschen, um versorgt zu werden… um zu überleben!

In unserer Gesellschaft werden wir zunächst im engen Kreis unserer Familie vergesellschaftet. Unsere Familie sorgt für uns, wir erhalten Obdach, Nahrung und was wir sonst zum Überleben benötigen. Auch im Erwachsenenalter, wenn wir schon nicht mehr mit unseren Eltern zusammen leben, sind wir noch vergesellschaftungsbedürftig. Zu diesem Zweck gibt es in unserer Gesellschaft Organisationen. Wir werden etwa durch Arbeits- und Mietsverträge vergesellschaftet und erhalten damit, was wir zum Leben benötigen.

Offensichtlich verändert sich die Gesellschaft fortlaufend und offensichtlich spielen dabei auch Technologien eine wichtige Rolle. Eine Idee, die Klaus Kusanowsky bereits seit längerem verfolgt, lautet, dass durch Plattformen wie Twitter etwas möglich ist, dass es so vorher nicht gab: Kommunikation zwischen Unbekannten, die außerhalb funktionaler Verwertungszusammenhänge stattfindet.
Auch vor dem Internet gab es in unserem Leben zahlreiche Unbekannte, mit denen Kommunikation stattgefunden hat. Anders als das über Twitter der Fall ist, findet Kommunikation mit Unbekannten ansonsten jedoch üblicherweise eingebettet in Organisationen statt. Die Möglichkeiten mit einer Bäckerin in einer Bäckerei zu interagieren sind gegenüber den Möglichkeiten auf Twitter mit einer Bäckerin zu kommunizieren insofern begrenzt, als dass es gewisse gesellschaftlich etablierte Standards gibt, wie ich mich in einer Bäckerei zu verhalten habe. Es wäre sehr ungewöhnlich, würde jemand in einer Bäckerei nach einem Schlafplatz suchen. Auf Twitter gilt es, neue Normalitäten herzustellen und diese in Erfahrung zu bringen. Das kann auch mit Formen der Vergesellschaftung zusammenhängen. Vielleicht können wir ja, entgegen bisheriger Erwartungen, Vertrauen zu Unbekannten herstellen? Bereits heute scheint es möglich, über Twitter Jobs und Unterkünfte zu finden. Eine der vielen Fragen, die durch Klaus Kusanowskys Forschungsprojekt in Erfahrung gebracht werden können lautet: Wie stark kann Vergesellschaftung durch Unbekannte sein?

Das Projekt von Klaus Kusanowsky könnte natürlich ein völliger Flop werden. Wenn Olena Rigby etwa einen Zug besteigt und niemals abgeholt wird, ist das Projekt möglicherweise schnell vorbei. Gerade das Risiko des Nichtgelingens ist es jedoch, das die Verfolgung dieser Idee für mich reizvoll und lohnenswert erscheinen lässt. Im günstigsten Fall wird es in Köln sogar die Chance geben, sich im Rahmen eines Trialoges näher über dieses Thema auszutauschen. Es würde mich freuen.

*Bei diesem Artikel handelt es sich um Apollons persönliche Betrachtungen und nicht um ein offizielles Statement des Trialogs.

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