∆_160618

Sichertshausen am 18.06.2016

#186 Sauro hat den Schwamm zerfetzt

160618Malvesina, Zethkah und Schlomo

Kreide auf Tafel, 166 x 95 cm

Nach langer Zeit findet endlich wieder ein Trialog statt. Malvesina und Schlomo besuchen Zethkah. Eine Tafel passt leider nicht ins Auto, daher wird vor Ort eine Tafel aus einer Schrankrückwand gebaut. Es gibt keine vorgefertigte Agenda, so dass niemand sich überfordert fühlen kann. Wir begrüßen Thekla und Zethkah beginnt forsch das Bild. Malvesina fühlt sich gefordert und ist ratlos. Schlomo beginnt eine Knickgeschichte. Wir unterbrechen für ein großartiges Madras-Curry mit Lammfleisch, das von Zethkah und Malvesina liebevoll angefertigt wird. Gestärkt geht es weiter. Während wir malen und schreiben, reden wir über Werke ohne Autoren, Künstlerfriedhöfe und Selbstorganisation. Ein schöner und sehr inspirierender Abend.

Knickgeschichte

Der große Baum stand seit Jahrhunderten an der breiten Ausfallstraße. An diesem Abend fiel der Schatten des Baumes auf das Bushäuschen, in dem der kleine Junge auf den Bus wartete. Er blickte nach oben und entdeckte in dem Baum einen kleinen grünen Gummiball, der ganz stark nach Hagebuttenmarmelade gerochen hatte. Gestern war an der selben Stelle ein Elefant, der mit dem Gummiball Fußball spielte. Es wurde dunkel und von der Flussniederung stieg Nebel auf. Wo blieb der Bus? Der Nebel wurde dichter und dichter. Schon ließ sich die Spitze des Baumes nicht mehr erkennen. Es wurde immer stiller. Es wurde irgendwann so still, dass man sein eigenes Schweigen nicht mehr hören konnte – so still war es und es schien, als ob es noch viel stiller werden könnte. Aber es wurde jetzt richtig laut, denn das Feuerwerk begann. Alle Dorfbewohner richteten den Blick gen Himmel und waren beeindruckt von den Farben und Formen, die sich da abzeichneten. Nur der Dorfälteste schaute zu Boden.
„Was schaust Du auf den Boden? Da kann man doch gar nichts sehen?“, sagte der Junge. „Es steht Dir nicht zu, den Ältesten zu kritisieren, Junge.“
Das Licht des Feuerwerkes verlieh der Szene etwas Surreales. Dadurch wirkte alles sehr langweilig. Außerdem passierte sonst nicht sehr viel. Das machte die Sache noch langweiliger. Aber dann öffnete sich die Tür und der Dorfälteste betrat mit einer Packung Tiefkühlerbsen in der Hand den Raum. Alle Umstehenden blickten ihn verwundert an. Unmut machte sich breit. Erbsen. War das wirklich sein Ernst? Es wurde immer offensichtlicher, dass seine Zeit gekommen war. „Nein“, sagte der Erste. Dann der Zweite: „Nein.“ Es pflanzte sich fort wie in einer Reihe fallender Dominosteine. Aber dann war von irgendwoher ein ganz, ganz großes „Ja“ zu hören und alle wunderten sich, aber keiner sagte etwas dazu. Damit war keiner einverstanden, aber egal. Was sollte man auch darauf sagen? So dachte sich jeder seinen Teil.
Der Dofälteste öffnete das Eisfach und legte die Tiefkühlerbsen hinein. Schweigend dachte dessen Sohn: „Alter Erbsenzähler!“ Dann jagten sie ihn aus dem Dorf. Auf seiner Flucht wurde er von einem Bären aufgefressen.
Die Geschichte geriet in Vergessenheit. Hundert Jahre später wurden seine Gebeine entdeckt. Was war geschehen? Geschehen war, dass irgendjemand nicht aufgepasst hatte. Inzwischen hatte nämlich jemand die Welt gerettet und versäumt, den Wecker zu stellen. Das führte dazu, dass ein Unbeteiligter die Gebeine in seinem Garten ausgegraben hatte und nicht wissen konnte, wie das passieren konnte.
Der hinzugerufene Komissar Arnolfini stand grübelnd vor den durcheinandergeratenen Gebeinen. Natürlich fiel ihm sofort auf, dass wir es hier mit den Gebeinen von zwei Leichen zu tun hatten, sich aber nur ein Schädel angefunden hatte. Arnolfini runzelte die Stirn. Was hatte er übersehen? Es musste einen Hinweis geben. Denk nach, Arnolf, denk nach! Was würde Amanda jetzt tun? Sie war so klug. Sie war so begehrenswert. Sie war so schön. Sie war so männlich. Aber sie hatte einen Fehler. Sie war scheiße-kriminell, sie war psycho-kriminell, sie war ober-scheiße-psycho-kriminell, sie war echt ätzend. Und trotzdem war sie so süß. So süß! Man konnte sie nicht ernst nehmen. Und so beschränkte er sich darauf, sie heimlich zu beobachten. Er mochte die Art, wie sie eine Haarsträne aus der Stirn strich und hinter ihr Ohr klemmte.
Irgendwann ist dieser Krieg zu Ende und dann ist der Weg frei. Er könnte ihr Blumen schenken und ihr seine Liebe gestehen. Es nutze alles nichts. Er musste diesen verdammte Kopf finden. Er war erschöpft und setze sich auf die Bank von dem Bushäuschen. Gegenüber stand ein großer Baum, der seinen Schatten auf ihn warf. Der Schatten hatte einen Namen, aber der Name wirkte grausam, weniger grausam als der Schatten selbst, aber erregend. Der Schatten hieß wie Mäusekot oder Apfelbaum. Aber er war grausam und beide fielen um und waren tot.

– ENDE (nicht happy) –

Keine Angst und keine Schuld

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2 Antworten auf ∆_160618

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